„Wer ist eigentlich diese Corinna?“

Ein Einblick in die Gefühlslage der Mitarbeitenden in der Corona-Pandemie, aufgeschrieben von Julia Rampp, Leiterin der Wohneinrichtungen in Pfaffenhausen

Schutzkonzepte, Besuchsregeln, Testungen – Begriffe, die man mittlerweile fast nicht mehr hören mag, wenn sie einem zum x-ten Mal in den Medien begegnen. Und doch: Es gibt auch viele unerwartet positive Erfahrungen in der Pandemie, über die Gott sei Dank viel berichtet wurde. Auch wir im DRW-Unterallgäu wurden reich beschenkt: mit Briefen, Pizzalieferungen, gegenseitigem Aushelfen, unglaublich viel Verständnis unserer Mitarbeiter und Angehörigen, mit Fensterkonzerten, kleinen Überraschungen, manchmal sogar mit freien Terminen im Kalender, mit der Erkenntnis, dass vieles gar nicht so wichtig ist,
wie gedacht – und vor allem mit Dank. Wir haben lange überlegt, ob ein weiterer Corona-Beitrag einer zu viel sein könnte und uns letztendlich doch dafür entschieden; für unsere Kolleginnen und Kollegen auf den Gruppen und Stationen, mit denen wir die letzten Monate viel gesprochen haben, und die die Konsequenzen aller Schutzmaßnahmen über einen langen Zeitraum hautnah spüren mussten; für unsere Betreuten, die tagtäglich mit den Auswirkungen der Pandemie leben müssen, und für die das Virus überwiegend in keiner Weise kognitiv fassbar ist und die heute noch fragen: „Wer ist eigentlich diese Corinna?“

Hoher Schutzstandard
Wir tragen als Leitungen von Einrichtungen für Risikopatienten immer, in besonderen Zeiten wie dieser jedoch erhöht, große Verantwortung. Gesamtleitung, Mitarbeitervertretungen und Einrichtungsleitungen der DRW-Region Unterallgäu haben sich deshalb entschieden, durch die komplette Pandemiezeit hindurch einen sehr hohen und konsequenten Schutzstandard zu setzen und mit Umsicht und Sorgfalt Risiken zu minimieren. Bis heute ist es uns so gelungen, Erkrankungen zu vermeiden. Unsere Mitarbeitenden aller Einrichtungsteile haben die Inhalte unseres Hygiene- und Schutzkonzepts vom ersten Tag an großartig mitgetragen und umgesetzt, auf jede Notwendigkeit flexibel reagiert und es im Rahmen einer Umfrage in der deutlich überwiegenden Anzahl positiv gewertet.

Es bleiben Fragen und Sorgen
Aus aller Erkenntnis und trotz allem Verständnis haben meine Kolleginnen und Kollegen in den verschiedenen Einsatzbereichen und Einrichtungsteilen der Region Unterallgäu – gerade in Zusammenhang mit der Umsetzung von Isolationsmaßnahmen nach Krankenhausentlassung oder nach der Rückkehr der Bewohnerinnen und Bewohner von Zuhause – jedoch immer wieder Sorgen geäußert:

  • Wie geht es blinden oder alten Menschen in all den Ausnahmemonaten, für die Berührungen, Nähe und soziale Kontakte besonders wichtig sind?
  • Wie kann es gelingen, Verhaltensauffälligkeiten und Orientierungslosigkeit zu kompensieren, die auftreten, weil der gewohnte Tagesablauf fehlt?
  • Wie können wir den uns anvertrauten Menschen die so dringend benötigte Sicherheit geben und Ungewissheit nehmen, wo wir im Regelungsdschungel oft selber feststecken?
  • Wie gestalten wir die erst von den Behörden und dann der Einrichtung festgelegten Isolationsmaßnahmen für blinde Menschen oder Senioren, denen Verständnis für Zeit, unbekannte Räume, zum Teil unbekannte oder vermummte Mitarbeitende komplett fehlt und die nicht nachvollziehen können, warum sie ihre sozialen Kontakte oder Gewohnheiten nicht pflegen dürfen?
  • Wie erklärt man einem alten Menschen, dessen Zeit endlich ist, dass Besuche nicht oder nur eingeschränkt möglich sind oder „Skype“ am Computer den Besuch ersetzen soll?

Ohne Erfüllung nach Hause
Obwohl wir in allen Einrichtungsteilen unser Bestes geben und den Betreuten und Seniorinnen und Senioren in den schwierigsten Phasen Einzelzuwendung, Abwechslung, Motivation und Würde geben, sind unsere Mitarbeitenden nach langen, in Ganzkörper-Schutzkleidung verbrachten Arbeitstagen oft ohne Erfüllung nach Hause gegangen. Den wesentlichsten Aspekt und die Motivation für ihr Tun, unterstützungsbedürftigen Mitgliedern unserer Gesellschaft Lebensqualität zu schenken, haben all unsere Kolleginnen und Kollegen aus unserer Sicht jeden Tag im Rahmen der Möglichkeiten mehr als erfüllt. Sie selbst aber konnten es oft in der unmittelbaren Betroffenheit und Hilflosigkeit für sich so nicht mehr wahrnehmen.

Botschaft an Behörden und Politik
Die Mitarbeitenden wünschen sich von den Behörden und Politik, dass die Konsequenzen geforderter Schutzmaßnahmen für hilfsbedürftige Menschen immer wieder auf den Prüfstand gestellt und in die Finanzierung ihrer Leistungen eingeplant werden. Pflegebedürftige Menschen und ihre Bedürfnisse in einer solchen Krise müssen wieder in den Mittelpunkt gestellt werden. Sie wünschen sich, dass ihrer Erfahrung
vertraut wird und Personalschlüssel so bemessen werden, dass sie im Alltag und erst recht in einer Krise Raum geben, um den Schwächsten unserer Gesellschaft so gerecht werden zu können, wie sie es benötigen. In Krisenzeiten müssen diese Schlüssel so tragfähig sein, dass die Umsetzung notwendiger, rechtlicher Anforderungen nicht zu Lasten der zu Pflegenden geht, weil die Zeit für sie nicht ausreicht.