Bauherr und Manager, Seelsorger und Hirte

Vor 100 Jahren starb Maurus Gerle – Zwischen strikter Disziplin und stiller Menschlichkeit führte er das Dominikus-Ringeisen-Werk durch schwierige Zeiten

Datum: 03. September 2026, 9:30 Uhr
Maurus Gerle ganz privat beim Waldspaziergang mit seinem Hund.
Maurus Gerle war der zweite Superior nach Dominikus Ringeisen und stand damit der St. Josefskongregation und dem Dominikus-Ringeisen-Werks vor.
Maurus Gerle brachte Elektrizität nach Ursberg: Mit dem Bau eines Wasserkraftwerks an der kleinen Mindel konnten Einrichtungen und Betriebe mit Strom versorgt werden.

Ursberg / 3. September 2026 – Im Archiv der Ursberger Sankt Josefkongregation befinden sich – unter anderen – zwei Fotografien von Maurus Gerle. Auf dem einen Foto sitzt er im schwarzen, hochgeknöpften Priestergewand seiner Zeit zurückgelehnt auf einem Stuhl. Die Farbe seines breiten Soutanengürtels ist auf dem Schwarzweißfoto nicht zu erkennen. Mit hoher Stirn und streng zurückgekämmtem Haar blickt er ernst direkt in die Kamera. Autorität und Würde stehen ihm ins Gesicht geschrieben. Das zweite Foto könnte unterschiedlicher kaum sein: Ein kleiner Herr in Hut und Wollmantel steht am Waldrand. Ein großer Bernhardiner schmiegt sich vertrauensvoll an seine Beine. Die rechte Hand tief in der Manteltasche vergraben, umspielt ein kleines, fast verlegenes Lächeln seine Lippen. Man kann annehmen, dass solche stillen Stunden auf Waldspaziergängen mit seinem Hund eher rar gesät waren, als Maurus Gerle 1904 nach dem Tod des Gründers Dominikus Ringeisen die Leitung der Ursberger Anstalten übernahm. Ringeisen hatte das Werk 1884 als Zufluchts- und Betreuungsort für Menschen mit Behinderung gegründet. Bei Gerles Amtsübernahme lebten rund 1.500 Menschen in Ursberg und den Filialeinrichtungen.

Wirtschaftlich handeln, um den Missionsauftrag zu erfüllen
Das Werk war hoch verschuldet und stand kurz vor dem finanziellen Ruin. „Die Caritas muss um der wahren Caritas willen kaufmännisch sein“, war eine Grundüberzeugung Maurus Gerles. Er musste also streng wirtschaftlich denken und handeln, um die soziale Mission des Werkes langfristig gewährleisten zu können. Dies erforderte einen Spagat zwischen den wirtschaftlichen Erfordernissen, die zu strenger Sparsamkeit zwangen und der Fürsorge für die hilfsbedürftigen Bewohner des Werkes, samt der hart arbeitenden Schwestern. Dabei war er selbst von Kindheit an harte Arbeit gewohnt. Geboren am 8. Mai 1854 als Bauernsohn und fünftes von sieben Kindern musste er bis in sein frühes Erwachsenenleben hinein auf dem elterlichen Hof in Eggenthal bei Kaufbeuren helfen, bevor er mit Mitte zwanzig sein Abitur nachholen konnte. Dabei half ihm die Bekanntschaft mit dem Bad Wörishofer Pfarrer Sebastian Kneipp. Nach Jahren des Studiums in München konnte er 1886 Primiz in seinem Heimatort feiern. Auch damals schon war neben seinem Primizprediger, Pfarrer Sebastian Kneipp, dessen guter Freund Dominikus Ringeisen mit am Altar.

Von Karlshuld nach Ursberg
Auch in den folgenden Jahren als Pfarrer im wirtschaftlich schwachen Karlshuld im Donaumoos riss der Kontakt nach Ursberg nicht ab. Ringeisen unterstützte die von Maurus Gerle gegründete Korbflechtergenossenschaft mit Geld. Maurus Gerle übernahm im Gegenzug die Redaktion der 1898 erstmals erschienenen Zeitschrift „Ursberger St. Josephsbote“. Sechs Jahre später übernahm er nach dem Tod von Dominikus Ringeisen im Mai 1904 als Superior die Leitung des Ursberger Werks. Gemeinsam mit der damaligen Generaloberin der St. Josefskongregation Sr. M. Angelina Martin konsolidierte er das Werk und sah sich dabei auch genötigt, die Pflegetarife zu erhöhen und das Geld bei den Angehörigen der „Pfleglinge“ auch konsequent einzufordern. Die Milde Ringeisens hatte bei den Angehörigen teilweise zu einer Vernachlässigung ihrer Unterhaltspflicht geführt. Unter Maurus Gerle stieg auch das Spendenaufkommen innerhalb weniger Jahre auf fast das Doppelte, womit ein großer Teil der alten Schulden getilgt werden konnte. Bauprojekte, die Dominikus Ringeisen begonnen hatte wurden fertiggestellt. Das Krumbad wurde saniert, modernisiert und elektrifiziert, um es sowohl für die Kurgäste attraktiver zu gestalten als auch den Arbeitsalltag der Schwestern zu erleichtern. Die gleiche Modernisierung hielt auch in Ursberg Einzug. Ein neu gebautes Elektrizitätswerk sorgte in der gesamten Einrichtung für elektrischen Strom und erleichterte vor allem auch den Schwestern in Sägewerk, Brauerei, Mühle, Bäckerei, Wäscherei und Schlachthaus ihre Arbeit.

Hilfe aus Holland gegen den Hunger
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 und den entbehrungsreichen Nachkriegsjahren änderten sich die Verhältnisse jedoch grundlegend. Bald gab es kaum noch etwas zu schlachten und zu backen. Rund 1.900 Menschen wollten mit Nahrung versorgt werden. Die Spendengelder verloren während der Inflation beinahe über Nacht ihren Wert und selbst mit noch vorhandener Kaufkraft waren Lebensmittel kaum noch erhältlich. Für kurze Zeit stand sogar die Rücksendung der Pfleglinge zu ihren Angehörigen zur Debatte. Dass dies nicht geschehen musste, hängt vielleicht auch mit einer großzügigen Spende aus Holland zusammen. Als Sr. M. Concordia Schmeller dem holländischen Dichter Leo Tepe zum achtzigsten Geburtstag gratulierte, schilderte sie im Brief auch die Nöte des Werks. Der Dichter war davon so gerührt, dass er den Brief in einer holländischen Tageszeitung abdrucken ließ. Als Reaktion erhielt die Einrichtung per Eisenbahn über den Thannhauser Bahnhof rund 2.050 Zentner Kartoffeln aus Holland. Das Überleben war gesichert. Auch wenn Maurus Gerle die Sicherung und Konsolidierung des Werkes noch erleben konnte, forderten die langen Jahre der Anstrengung ihren Tribut. Als er am 15. März 1926 starb, war er bereits seit einem Jahr gesundheitlich schwer angeschlagen. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Ursberger Klosterfriedhof. Wie sehr er trotz aller notwendigen Härte gegenüber seinen Mitarbeitern und den Schwestern der St. Josefskongregation von ihnen geliebt und geschätzt wurde, lässt sich in seinem Nachruf im „Ursberger Josephsbote“ von 1926 nachlesen, wo er auch als zweiter Gründer Ursbergs genannt wird: „Alles an ihm war hochgespannter, zielbewusster Wille, opferfreudige Selbstlosigkeit, Pflichtbewusstsein und unerschütterliches Gottvertrauen.“ 

Text: Petra Nelhübel

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