Mehr Freiheit, mehr Verantwortung für Menschen mit Behinderung

30 Jahre Haus Walburga: Wie eine mutige Idee zur ersten Außenwohngruppe des Dominikus-Ringeisen-Werks führte

Datum: 09. März 2026, 16:45 Uhr
Helmut Wieser, Markus Kempter, Heinz Helfert und Verena Weber (v. l.) im Haus Walburga in Krumbach
Haus Walburga in Krumbach: In der Ringeisen-Straße entstand 1995 die erste Außenwohngruppe des Dominikus-Ringeisen-Werks

Krumbach / Ursberg / 9. März 2026 – Vor 30 Jahren entstand mit dem Haus Walburga in Krumbach die erste Außenwohngruppe des Dominikus-Ringeisen-Werks. Es war der Startschuss für einen umfangreichen Dezentralisierungsprozess der Sozialeinrichtung. Seitdem sind zahlreiche kleine und regionale Angebote für Menschen mit Behinderung in Bayern entstanden.

Mit einer Vision von Schwester M. Canisia Maurer CSJ hatte Mitte der 1990er Jahre alles begonnen, erzählt Markus Kempter, DRW-Einrichtungsleiter und damals zuständig für das Haus Walburga. Die damalige Leiterin des Bereichs Wohnen im DRW war die treibende Kraft hinter der Idee, eine leerstehende Immobilie in der Krumbacher Ringeisen-Straße als Außenwohngruppe für Menschen mit Behinderung zu nutzen. Was heute längst Standard ist, war damals mutig, vielleicht sogar ein bisschen verrückt. Menschen mit Behinderung, die mehr als Betreuung wollten, die ihr eigenes Leben gestalten wollten. Viele hätten Zweifel gehabt und seien unsicher gewesen, ob man Menschen mit Behinderung so viel Selbstständigkeit zutrauen könne, erinnert sich Markus Kempter. Er sitzt gemeinsam mit Helmut Wieser und Heinz Helfert, zwei ehemaligen Bewohner des Hauses, die mittlerweile in ihrer eigenen Wohnung leben, am gedeckten Kaffeetisch im Haus Walburga. Mit dabei ist auch Verena Weber. Sie ist seit dem Jahr 2023 Teamleiterin im Haus Walburga.

Eine neue Freiheit
Ihr Vorgänger war Markus Kempter, der mit der Gründung die Hausleitung übernahm. Er erinnert sich gut an den Augenblick als man ihm die Stelle für das innovative Wohn-Projekt anbot: „Ich habe darin nicht nur eine Chance für mich gesehen, sondern auch für unsere Klientinnen und Klienten als eine Möglichkeit, sich aktiv und selbständig neue Lebensräume zu erobern.“ Kinobesuche, Eiscafé oder ein Arztbesuch waren damit möglich, ohne jedes Mal einen Fahrdienst bemühen zu müssen. Eine neue Freiheit, die anfangs aber auch ungewohnt und manchmal auch mit Ängsten verbunden war, wie sich Helmut Wieser erinnert: „Ich bin bis zu meinem zwanzigsten Lebensjahr in einem Kinderheim auf dem Land aufgewachsen. Die Aussicht, plötzlich in einer kleinen Stadt in einer Art Wohngemeinschaft für mich selber verantwortlich zu sein, war schon sehr aufregend.“ 

Mit der Freiheit kommen auch Pflichten
Eine Sorge, die Heinz Helfert nicht hatte. Bereits seit seinem siebten Lebensjahr lebte er in Ursberg und hatte im dortigen Haus Sankt Josef vom Schlafsaal über Mehrbett- und Einzelzimmer verschiedenste Wohnformen miterlebt. Mit 34 Jahren bekam er die Chance, ins Haus Walburga nach Krumbach umzuziehen. „Aber mit den Freiheiten kamen auch Pflichten und Herausforderungen“, ergänzt Verena Weber. Alltägliche Haushaltstätigkeiten wie Wäsche waschen, einkaufen, kochen, staubsaugen – alles sollte, mit entsprechender Unterstützung und gerecht verteilt, von Beginn an selbst erledigt werden. Kleinere Unglücksfälle wie verfärbte Tischwäsche inbegriffen. „Mein meistgehasster Dienst war tatsächlich der Wäschedienst“, erinnert sich Helmut Wieser. „Ich fand schnell Kontakt und schloss Freundschaften im Haus. Aber wenn meine Mitbewohner tagelang die Wäsche in ihren Zimmern horteten, um dann alle gemeinsam an einem Tag die Wäsche in die Waschküche zu bringen, war meine Sympathie schnell dahin.“

Bügeln mit Musik
Heinz Helfert ergänzt: „Es war ja nicht nur das Waschen, Auf- und Abhängen, es sollte ja auch noch vieles gebügelt werden. Da stand man dann mit drei oder vier Mitbewohnern an den Bügelbrettern. Mit Musik fanden das viele nett. Ich nicht.“ Bei allen Bewohnerinnen und Bewohnern überwog aber die Freude an den neuen Freiheiten. Zum Feiern fand sich immer ein Grund. Bis heute wird auch regelmäßig die Nachbarschaft eingeladen. Geburtstage und Faschingsfeiern, Urlaube in Tunesien, Rügen und in Griechenland – alles lag plötzlich in der eigenen Entscheidung. Eine Freiheit, die nicht nur die Bewohner zu schätzen wussten, weiß Verena Weber: „Auch die Mitarbeiter erlebten die erweiterten Handlungsspielräume als Gewinn und wollten nicht mehr in die viel stärker reglementierten Strukturen des Heims zurück.“

Die Schutzpatronin des Bistum Eichstätt wacht auch über das Haus Walburga
Weil mehrere Schwestern der St. Josefskongregation aus dem Bistum Eichstätt stammen, erhielt das Haus den Namen der dortigen Bistums-Patronin Walburga. Dass sich die Immobilie durch Zufall auch noch in der, nach dem Gründer der Sozialeinrichtung benannten Ringeisen-Straße befand, betrachtete Sr. M. Canisia damals als glückliche Fügung, um das lange geplante Projekt „Außenwohngruppe“ erfolgreich umsetzen zu können. Im Haus Walburga leben heute 12 Personen mit geistiger Behinderung. Zusätzlich gibt es einige Wohnungen in Krumbach, in denen Menschen mit Behinderung eigenständig leben, aber an das Haus Walburga angedockt sind und von den Mitarbeitenden unterstützt werden.

Petra Nelhübel

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