Ursberg / 25. März 2026 – Wer an Ordensschwestern denkt, hat meist Bilder von Stille, Gebet und Zurückgezogenheit vor Augen. Tatsächlich aber wurde hinter Klostermauern gelernt und gelehrt, organisiert, gepflegt, gebaut und gewirtschaftet. In der vom Haus der Bayerischen Geschichte konzipierten Bayerischen Landesausstellung 2027 „Schwesterherz! Frauen retten Bayern“, deren Ausstellungsort Ursberg sein wird, soll auch dieser Teil des klösterlichen Lebens in den Fokus gerückt werden. Klöster waren von jeher nicht nur religiöse Gemeinschaften. In einer Zeit, in der weltlichen Frauen der Zugang zu Bildung und Ausbildung meist verwehrt war, erlernten die Schwestern Berufe und arbeiteten in Bereichen, die lange als Männerdomänen galten.
Dabei war es beileibe nicht so, dass die Ordensfrauen unter der Aufsicht kundiger Männer vor sich hin dilettierten. Die Aufrechterhaltung einer rentablen und reibungslos funktionierenden Sägerei, eines Baubetriebes, eines Heizkraftwerkes oder einer Brauerei erforderte Expertise, die sich die Schwestern in der St. Josefskongregation in Ursberg in gründlicher Ausbildung aneigneten. Oft genug bildete der Erwerb des Gesellen- oder gar des Meisterbriefes den Abschluss. „Natürlich war es so, dass die Novizinnen zuerst auf unseren Pflegestationen eingesetzt waren“, erzählt Schwester M. Canisia, die aktuell im Archiv der Sankt Josefskongregation beschäftigt ist. „Die Pflege und Förderung unserer Schutzbefohlenen war ja von jeher unsere Hauptaufgabe und die jungen Frauen sollten im Umgang mit unseren Schützlingen vertraut werden. Aber abgesehen davon wurden sie nach Neigung und Talent eingesetzt und ausgebildet.“
Talent und Neigung als Chance zu beruflicher Verwirklichung
Ein Talent, das sich manchmal erst durch praktische Erfahrung offenbarte. So wie zum Beispiel bei Schwester M. Tilbert. Sie trat 1945 als zwanzigjährige junge Frau in die Sankt Josefskongregation ein, mit dem Wunsch, Krankenpflegerin zu werden. Da kurzfristig in diesem Arbeitsbereich keine geeignete Stelle frei war, bot man ihr vorübergehend eine Beschäftigung in der Klostergärtnerei an. Schon bald war abzusehen, dass sie mit ihrem Fleiß und ihrem Interesse in der Lage war, den Gartenbetrieb einmal selbstständig zu leiten. Nach einer Ausbildung zur Gärtnereigehilfin bestand sie die Meisterprüfung in Lindau am Bodensee und versorgte fortan das gesamte Kloster Ursberg das ganze Jahr über mit allem notwendigen Obst und Gemüse.
Zuhause in vielen Arbeitsfeldern
Manchmal waren Talent und Neigung auch so breit gefächert, dass ein Arbeitsfeld allein nicht ausreichte, um das ganze Potenzial eines Menschen zum Wohle der Gemeinschaft einzubringen. So war es wohl bei Schwester M. Thekla, deren Tod im März 2007 der damalige Chefredakteur des Ursberger Josefsboten, Paul Steghöfer, mit einem so warmherzigen und wehmütigen Nachruf bedachte, dass man bedauert, sie nicht selbst gekannt zu haben. Die „Manderleut“ des Bauhofes, so beschreibt es Paul Steghöfer, habe sie genauso fest im Griff gehabt wie die Schieber und Ventile im Wasserkraftwerk, wo sie auch ihre Wohnstatt hatte. Die Bepflanzung des Michelsberges fiel zeitweise in ihr Ressort, wie auch die Betreuung der Internatsschülerinnen oder die Bedienung der Gäste im Bräuhaus an großen Festen. Als sie sich mit 80 Jahren beim Sturz aus einem Apfelbaum beide Arme brach und die Gipsverbände sie an manuellen Arbeiten hinderten, konzentrierte sie sich hochmotiviert auf die oft sehr resolute Anleitung der Männer im Bauhof. Es herrschte allgemeines Aufatmen unter den „Manderleut“, als bei der rigorosen Schwester der Gips abgenommen wurde und sie sich wieder praktischen Aufgaben widmen konnte.
Fußball, Fassbier, Frömmigkeit
Eine besondere berufliche Laufbahn, die für weltliche Frauen dieser Zeit völlig undenkbar war, schlug Schwester M. Dagobert ein. Geboren 1928, arbeitete sie als ledige Frau bis zu ihrem 30. Lebensjahr auf dem elterlichen Hof, bevor ihr langgehegter Wunsch in Erfüllung ging und sie ins Kloster eintreten durfte. Von Natur aus kräftig, begann sie mit Freude und Begeisterung eine Ausbildung in der klösterlichen Brauerei und legte 1961 als einzige Frau ihre Prüfung zur Braumeisterin ab. Zehn Jahre leitete sie die Ursberger Klosterbrauerei, bildete dort Lehrlinge aus und hielt auch nach der Übergabe an einen weltlichen Braumeister engen Kontakt mit dem Brauereigasthof. Dort bewohnte sie weiterhin ein Zimmer und blieb aufs Engste mit dem Betrieb und den Gästen dort verbunden, außer wenn der FC Bayern spielte. Dann hielt Schwester M. Dagobert nichts davon ab, am Radio oder am Fernseher mit ihrem Lieblingsverein mitzufiebern.
Klösterliche Bildungswege in vorfeministischer Zeit
Ob nun Schwester M. Cassiana, die 43 Jahre lang den sehr ansehnlichen Pferdestall des Klosters versorgte, oder Schwester M. Dafrosa, die auf ihrem stets palmstraußgeschmückten Moped zwischen ihren Arbeitsstelle Elektrizitätswerk und Baubetrieb hin und her pendelte, stets umgab die Schwestern eine herzliche Zufriedenheit, die aus ihrem täglichen Tun sprach. So zumindest ist es den jeweiligen Nachrufen zu entnehmen und dem Wunsch eines Bewohners, der meinte: „Der Schwester Cassiana sollte man einen goldenen Sarg machen.“ Ob Molkerei, Sägewerk, Schreinerei oder Baubetrieb, im Kloster spielten Zuschreibungen „männlicher“ oder „weiblicher“ Begabungen keine Rolle. Die Schwestern übernahmen Verantwortung in allen Arbeitsbereichen und eröffneten sich Bildungs- und Berufswege, die Frauen außerhalb der Klostermauern noch lange verschlossen blieben. Bei aller beruflicher Selbstverwirklichung fühlten die Schwestern sich immer im Einklang mit ihrer klösterlichen Berufung. Oder könnte man es schöner sagen als Schwester M. Tilbert, die in ihrer Hausarbeit zur Gärtnermeisterprüfung schrieb: „Gärtnerwerk ist heiliges Tun… Leib und Seele werden vom Gärtner zusammengehalten… Das macht Freude und Freude ist gesund.“
Petra Nelhübel, Dominikus-Ringeisen-Werk
Bilder: © Archiv der St. Josefskongregation Ursberg