Wir wünschen Ihnen einen guten Start und Gottes Segen ins neue Jahr 2026. Passend dazu erzählen wir die Geschichte von Dragan Kostic. Der 22-jährige hat einen großen Traum. Was Musik damit zu tun hat und warum sie für ihn zum Lebensretter wurde lesen Sie in dieser mutmachenden Geschichte:
Wenn seine Hände sich über die Klaviertasten bewegen, wenn seine Finger mal entschlossen hämmernd, mal zärtlich tupfend Melodien entstehen lassen, dann scheint Dragan Kostic ganz bei sich angekommen. Wenn er von Chopin schwärmt und Rachmaninows Klavierkonzerte rühmt, leuchten seine Augen. Dann fällt es schwer, ihn mit der holprigen Achterbahnfahrt in Verbindung zu bringen, die das Leben dem 22-jährigen bisher beschert hat. Aber hinter diesem Leben steht ein junger Mensch, der gelernt hat, das Beste aus dem zu machen, was das Schicksal ihm zugedacht hat – mit Ausdauer, Zielstrebigkeit und einer ordentlichen Portion Eigensinn.
Ein holpriger Start ins Leben
Dass er eine Mutter hat, erfuhr der kleine Dragan erst als er eingeschult werden sollte. Bis dahin lebte er in unklaren Verhältnissen bei seinem Vater in München. Diesem war es gelungen, das Thema Schulbesuch immer wieder in die weitere Zukunft zu verschieben. Erst nachdem Nachbarn und Jugendamt etwas dringlicher intervenierten, stellte sich heraus, dass der Junge schon fast neun Jahre alt war. Schulbesuch sei Müttersache befand Dragans Vater und brachte den Jungen kurzerhand zu seiner ihm bis dahin kaum bekannten Mutter. Zwei kleine Schwestern und ein Bruder vervollständigten den überraschenden Umbruch in Dragans Leben. Dazu kam der Schulbesuch. Dragan konnte nicht stillsitzen, wusste nichts von angemessenem Verhalten und störte ganz allgemein den Unterricht. Als ihn irgendwann seine Lehrerin fragte, was ihn den gar so unruhig mache, erzählte er der Frau von seiner Sorge um die jüngeren Geschwister. Wer versorgte sie und gab ihnen zu essen während er in der Schule war? Die Mutter schien ihm dafür nicht ausreichend geeignet. Alarmglocken, Jugendamt, Inobhutnahme aller Geschwister in verschiedene Einrichtungen – und Dragans Leben änderte sich ein weiteres Mal. Aufgrund seiner Verhaltensauffälligkeit kam Dragan in das Heilpädagogische Heim „Maria Ward“ des Dominikus-Ringeisen-Werks (DRW) in Günzburg.
Ein Klavier – Liebe auf den ersten Blick
Weil auch die dortigen erfahrenen Kräfte nur schwer Zugang zu dem inzwischen Elfjährigen fanden, kam eine Mitarbeiterin eines Tages auf die Idee, Dragan für ein kleines Keyboard, das sie mitgebracht hatte, zu interessieren. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, beschreibt Dragan Kostic rückblickend diesen Wendepunkt in seinem Leben. Dass diese schwarzen und weißen Tasten, in der richtigen Ordnung berührt, Klangwelten entstehen lassen konnten, erschien ihm magisch. Endlich lohnte es, sich zu fokussieren, Gesetzmäßigkeiten zu begreifen, sich ihnen zu unterwerfen, um als Ergebnis mit einem gelungenen Musikstück belohnt zu werden. „Ich war wie elektrisiert“, erinnert sich Dragan. „Ich wollte mehr. Ich wollte richtigen Unterricht und ich wollte ein Klavier.“
Dankbar für Unterstützer und Förderer
Dass er tatsächlich seit seinem 14. Lebensjahr ordentlichen Unterricht erhält und seither auch ein Klavier in seinem Zimmer hat ist allerdings nur zu einem Teil seiner Beharrlichkeit zu verdanken. „Ich habe immer irgendwie Menschen getroffen, die mir weitergeholfen haben“, erinnert sich Dragan. Dankbar denkt er dabei auch an ein Günzburger Ehepaar, das ihm einige Jahre den Klavierunterricht finanzierte. Nach seinem Umzug in eine Wohngruppe in Bayersried, fand er in Claudia Janetschke, heilpädagogische Unterrichtshilfe an der Dominikus Schule in Ursberg eine große Unterstützerin. Sie hat seine allerersten Schritte am Klavier begleitet und Dragan kleine Auftritte bei Veranstaltungen, Adventskreisen und Gottesdiensten im DRW ermöglicht.
Das nächste Ziel: Musikschule und Studium
Und dann ist da noch seine Taufpatin Jutta Braun, die seit Dragans Taufe vor acht Jahren als Mentorin und Wegbegleiterin an seiner Seite steht. Sie war es auch, die ihn zum Augsburger Inklusionsorchester „Die Bunten“ brachte. Angelika Jekic, Gründerin und Orchesterleiterin der „Bunten“ ist sich sicher: „Der Dragan ist ein toller Musiker. Er wird seinen Weg gehen. Ich wünsche ihm, dass er immer Menschen an seiner Seite hat, die seine Begabung sehen und ihn auf diesem Weg unterstützen.“ Diese Unterstützung brauch Dragan Kostic jetzt ganz konkret für die Aufnahmeprüfung an der Berufsfachschule für Musik als Voraussetzung für ein späteres Musikstudium. Sein Ziel steht fest: Konzertpianist möchte er werden. Doch er bleibt dabei auch realistisch: „Das wird nicht leicht. Aber ich könnte auch als Musiklehrer arbeiten oder komponieren.“
Ein Musical und ein großer Weihnachtswunsch
Dass ihm das Komponieren liegt, hat er schon bewiesen. Sein Musical „Anna und die Uhr der Zeit“ wurde vor drei Jahren mit Erfolg am Krumbacher Simpert-Kraemer-Gymnasium aufgeführt. Wenn er heute darauf zurückblickt schmunzelt er: „Heute höre ich das mit ganz kritischen Ohren. Ich habe mich weiterentwickelt und würde vieles anders machen.“ Ein großer Weihnachtswunsch begleitet ihn schon lange Zeit: „Ich würde so gerne ein eigenes Konzert geben. Klassische Werke von Chopin oder Bach, verbunden mit Musik aus japanischen Animes. Zum Beispiel Stücke aus den Animes „Demon Slayer“ oder aus „Darling in the FranXX“ – das lässt sich ganz wunderbar mit klassischer Musik verweben.“
Tex: Petra Nelhübel