Mit Frauenpower gegen Flammenmeer und Flutkatastrophen

Ursberger Werkfeuerwehr im Wandel der Zeit: Als die Schwester Kommandantin noch zur Übung rief

Datum: 12. Oktober 2026, 15:17 Uhr
Über Generationen hinweg für andere da: Sylvia Doldi engagiert sich neben ihrem Hauptberuf in der Klostergärtnerei Ursberg nebenamtlich bei der Schwestern und Werkfeuerwehr. Sr. M. Canisia Maurer CSJ war über viele Jahre aktives Mitglied der Ursberger Schwesternfeuerwehr.

Ursberg / 13. Oktober 2026 – „Schwesterherz! Frauen retten Bayern“ ist der Titel der Bayerischen Landesausstellung, die 2027 vom Haus der Bayerischen Geschichte zusammen mit der Bildungs- und Kulturwerkstatt Klosterort Ursberg gGmbH in Ursberg veranstaltet wird. Darin rücken Frauen in den Mittelpunkt, die in den letzten zweihundert Jahren mit ihren Entscheidungen und ihrem Handeln die Welt ein Stück weit besser machten.

Tatkraft und der Wille, selbst rettend aktiv zu werden, führten bei den Franziskanerinnen der St. Josefskongregation 1932 zur Gründung einer eigenen Schwesternfeuerwehr. Eine geradezu revolutionäre Tat zu einer Zeit, als es Frauen noch verboten war, überhaupt Dienst in einer Feuerwehr zu tun. Erst eine 1966 erlassene Verordnung des Bayerischen Innenministeriums hob dieses Verbot auf. Andere Bundesländer zogen später nach. Hintergrund für die Gründung der Schwesternfeuerwehr war allerdings nicht die Aufmüpfigkeit der Ursberger Schwestern. Die örtlichen Feuerwehren waren schlicht nicht ausreichend mit den weitläufigen und teils verwinkelten Gebäuden des Klosters und der Behinderteneinrichtungen vertraut. Im Brand- oder Rettungsfall erschwerte dies insbesondere die Evakuierung der dort lebenden Menschen. Eine Feuerwehr, die mit den Bedürfnissen der Bewohnerinnen und Bewohner vertraut war, konnte im Ernstfall schneller und gezielter handeln. 70 Schwestern ließen sich 1932 von der örtlichen Feuerwehr Bayersried-Ursberg zu Feuerwehrfrauen ausbilden und gliederten sich in zwei Innenfeuerbekämpfungszüge, einen Hydrantenlöschzug, einen Rettungszug und einen Sanitätszug. 

Großbrand im Kapellenbau von St. Maria

Als allererste Wehrführerin übernahm Schwester M. Laetitia Zapf die Leitung. Die erste Bewährungsprobe bestanden die Schwestern bei einem Großbrand 1934 im Haus St. Maria. Ein behindertes Mädchen hatte auf dem Dachboden über der dortigen Kapelle gezündelt. In der Feuerwehrzeitschrift „brandwacht“ heißt es: „Neben der Ortsfeuerwehr und den Freiwilligen Feuerwehren von Thannhausen, Münsterhausen, Krumbach, Bad Wörishofen und Augsburg bewährte sich der rasche Einsatz der Schwesternfeuerwehr.“ Bei einer Inspektion der Wehr 1936 bescheinigte Inspektionsleiter und Kreisbrandinspektor Robert Steiger der Schwesternfeuerwehr die mustergültige Ordnung und Einsatzbereitschaft und überbrachte „uneingeschränktes Lob für die sehr gute Arbeit“ des Landesbranddirektors. Kommandantin Sr. M. Laetitia erhielt das „Feuerwehr-Ehrenkreuz“ mit Urkunde für das umsichtige Eingreifen während des großen Brandes zwei Jahre zuvor. In den folgenden Kriegsjahren kam für die Feuerwehrschwestern nach Anordnungen des Reichsluftschutzbundes auch noch die Ausbildung zu Luftschutzleiterinnen hinzu.

Neun Einsatztage am brennenden Heuturm
116 Schwestern zählte die Feuerwehr, als 1942 ein weiterer Großbrand den Mittelbau der Ursberger Ökonomie vernichtete. Wieder bewies die Schwesternfeuerwehr ihre Einsatzfähigkeit und verdiente sich die Anerkennung der Kreisfeuerwehrleitung. Gleich zweimal war über die Jahre eine Filmcrew vor Ort und berichtete über diese Feuerwehr in Schwesterntracht, darunter auch das ZDF. Mangelnder Nachwuchs im Kloster und eine dadurch veränderte Altersstruktur ließen die Zahl der Feuerwehr-Schwestern in den Fünfzigerjahren deutlich sinken. Neben den 88 Franziskanerinnen waren nun auch 22 männliche Mitarbeiter in der Schwesternfeuerwehr aktiv. 1954 wurde aus der Schwesternfeuerwehr die Anstaltsfeuerwehr. Auch wenn die Zahl der aktiven Schwestern in den folgenden Jahren immer weiter sank, blieb die Verbundenheit der Franziskanerinnen zu „ihrer Wehr“ deutlich bestehen. So vermittelt der Bericht von Sr. M. Pia Settele, Kommandantin der Wehr von 1979 bis 1998, über die große Brandkatastrophe im November 1982 nicht nur die persönliche Betroffenheit als Opfer des Feuers, sondern zeugt zugleich von fundierter Sachkenntnis über die Arbeit der Feuerwehr. Neun Tage lang kämpften die Feuerwehrschwestern damals Seite an Seite mit den Wehren aus Bayersried-Ursberg, Oberrohr, Balzhausen und Münsterhausen gegen einen brennenden, 20 Meter hohen Heuturm in der Landwirtschaft des Klosters. 700 Kubikmeter fest gepresstes Grummet mit einer Innentemperatur von über 100 Grad Celsius drohten zu explodieren. Auf acht DIN A4-Seiten hielt Schwester Pia akribisch jeden neuen Versuch, den Brand zu löschen fest. Jede Wendung im Brandbekämpfungsverlauf wurde dokumentiert, jeder Wechsel der Herangehensweise, der Gerätschaften oder Nachtwachen schriftlich festgehalten. Als nach neun Tagen, am 23. November 1982, die letzten Reste des Heuturms abmontiert werden konnten, war einer der gefährlichsten Brände in der Geschichte der ersten Frauenfeuerwehr in Bayern endgültig gelöscht. 

Fast hundert Jahre
In den 1980er Jahren setzte sich der Wandel in der Zusammensetzung der Feuerwehr weiter fort. 1985 wurde die Werkfeuerwehr gegründet. Fortan liefen Schwestern und Männer unter dem Namen „Schwestern- und Werkfeuerwehr Dominikus-Ringeisen-Werk“. Ihr gehörten bei der ersten Inspektion im Juni 1986 noch 26 Schwestern und 18 Männer an. Das Verhältnis drehte sich im Laufe der Jahre immer mehr. Als 2002 ein Unwetter über Ursberg hereinbrach, waren es nur noch wenige Franziskanerinnen, die mittels Notrufpieper aus dem abendlichen Gottesdienst gerufen werden. Aufgrund von Starkregen schoss Wasser von den westlichen Talhängen auf das Dominikus-Ringeisen-Werk zu. Innerhalb weniger Minuten standen mehrere Wohngruppen des Werks meterhoch unter Wasser. Buchstäblich in letzter Sekunde konnten alle Bewohnerinnen und Bewohner vor der Flut gerettet werden. Der Sachschaden ging in die Millionen. 

Aktuell sind in der Schwestern- und Werkfeuerwehr neben Schwester Marianne Rauner und Schwester M. Veronika Graßmann noch acht weitere, weltliche Frauen und 32 Männer aktiv. „Wenn die Schwestern in den nächsten Jahren aus dem aktiven Feuerwehrdienst ausscheiden werden, wird eine Ära zu Ende gehen“, bedauert Schwester Marianne. Noch ist es nicht so weit. Fast hundert Jahre lang haben die Franziskanerinnen hier Feuerwehrgeschichte geschrieben. Mit Mut, Einsatzbereitschaft und einer Selbstverständlichkeit, die ihrer Zeit weit voraus war, haben sie gezeigt, dass es am Ende nicht darauf ankommt in welchen Kleidern man steckt, sondern wer bereit ist, da zu sein, wenn es darauf ankommt. 

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